Am 27. August 2026 fand in Berlin der zweite „Indo-German Arbitration Conclave“ statt, unter dem Titel „Exploring Bilateral Avenues for Efficient Commercial Disputes Resolution“. Der erste Conclave hatte im November 2025 in Chennai stattgefunden. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), der Bar Association of India (BAI) und dem SGH bei der DIHK. Anlass war der Besuch von Justice Surya Kant, Chief Justice of India, und Prashant Kumar, Präsident der Bar Association of India, in Deutschland.
In seiner Eröffnungsrede ging der indische Botschafter in Deutschland, S.E. Ajit Gupte, auf die wachsenden Handelsbeziehungen zwischen Indien und Deutschland ein und betonte, dass eine sich vertiefende wirtschaftliche Partnerschaft verlässliche und effiziente Mechanismen zur Beilegung von Wirtschaftsstreitigkeiten braucht. Das lässt sich auch in Zahlen fassen: 2025 erreichte der bilaterale Warenhandel zwischen beiden Ländern laut Statistischem Bundesamt mit rund 35,4 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand, ein Plus von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und mit dem im Januar 2026 verhandelten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien dürfte der Handel nach dessen Inkrafttreten weiter zulegen. Auch institutionell bewegt sich etwas: Indien baut gerade eigene Schiedsinstitutionen aus, zuletzt mit der Gründung des Chandigarh International Arbitration Centre im März 2026. Wächst der Handel, wachsen auch die Streitfälle – und damit die Frage, wie sich diese künftig lösen lassen. Genau darüber sprachen an diesem Vormittag Vertreterinnen und Vertreter aus Justiz, Anwaltschaft und Wirtschaft beider Länder: über engere Zusammenarbeit bei Schiedsverfahren, Mediation und Streitbeilegung im Wirtschaftsrecht.
Zur Eröffnung sprachen Dr. Ulrich Wessels, Präsident der BRAK, Chief Justice Surya Kant, Prashant Kumar sowie Prof. Dr. Stephan Wernicke, DIHK-Chefjustitiar.
Chief Justice Kant rief zu einer engeren institutionellen Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland auf, um grenzüberschreitende Schiedsverfahren zugänglicher, vorhersehbarer und wirksamer zu machen. Mit den wachsenden Wirtschaftsbeziehungen beider Länder würden auch komplexere Streitfälle zunehmen, sagte er – von langfristigen Lieferbeziehungen über Infrastrukturprojekte und Technologiekooperationen bis hin zu Joint Ventures und grenzüberschreitenden Investitionen. Ein Schiedsverfahren funktioniere dabei nur dann verlässlich, wenn leistungsfähige Institutionen und erfahrene Schiedsrichter zusammenwirken und Gerichte sich zurückhalten, indem sie nur eingreifen, wenn es wirklich nötig ist. Dazu verwies er auf Indiens eigenen Reformkurs: die Änderungen am Arbitration and Conciliation Act aus den Jahren 2015, 2019 und 2021, mit denen richterliche Eingriffe reduziert und institutionelle Schiedsverfahren gestärkt werden sollten.
Mit Blick auf die deutsche Praxis, schlug Chief Justice Kant vor, dass indische Institutionen wie das India International Arbitration Centre, das Mumbai Centre for International Arbitration und das Nani Palkhivala Arbitration Centre feste Partnerschaften mit deutschen Institutionen eingehen. Er nannte dafür gemeinsame Forschung, Trainingsprogramme und den fachlichen Austausch zwischen Schiedsrichtern, Anwältinnen und Anwälten, Wissenschaft und Justiz. Dabei ging es ihm vor allem um einstweiligen Rechtsschutz, die Vollstreckung von Schiedssprüchen und die public policy-Ausnahme nach der New Yorker Konvention – aber auch um den Einsatz digitaler Verfahren wie virtuelle Anhörungen oder elektronische Beweisführung. Zum Abschluss sagte er, der Berliner Conclave führe den in Chennai begonnenen bilateralen Dialog fort.
Prof. Dr. Stephan Wernicke, DIHK-Chefjustitiar, beschrieb den deutsch-indischen Dialog zur Schiedsgerichtsbarkeit als eine Initiative, die von einem offenen und unkomplizierten Austausch lebt – ein Eindruck, der sich für ihn bereits beim ersten Conclave in Chennai bestätigt hatte. Vertrauen zwischen Rechtssystemen entsteht aus seiner Sicht nicht allein durch Regeln und Verfahren, sondern durch den Austausch von Erfahrungen, institutionelle Zusammenarbeit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Für kleine und mittlere Unternehmen seien Rechtssicherheit und vorhersehbare Verfahren bei grenzüberschreitenden Geschäften besonders wichtig, sagte Prof. Dr. Wernicke, und genau dieses Segment gilt es gemeinsam auszubauen, da sowohl die indische wie auch die deutsche Wirtschaft stark durch KMU geprägt seien. In seiner Keynote griff Prashant Kumar dieses Thema auf und sprach ausführlich über Schiedsverfahren für kleine und mittlere Unternehmen sowie den Aufbau eines deutsch-indischen bilateralen Korridors dafür, sowohl materiellrechtlich wie prozessual.
Im weiteren Programm stellte Carolina Morales Cruz, Leiterin des Referats Schiedsgerichtshof – Öffentlichkeitsarbeit | Internationale Beziehungen, den SGH bei der DIHK vor. Sie ordnete ihn als Schiedsinstitution ein, die über das IHK-/AHK-Netzwerk sowohl national als auch international eingesetzt wird und mit kalkulierbaren Kosten und Fristen gerade auch kleineren und mittleren Unternehmen offenstehen soll – derselben Zielgruppe also, die schon Chief Justice Kant und Prof. Dr. Wernicke in ihren Reden angesprochen hatten. S. S. Naganand sprach über praktische Aspekte deutsch-indischer Schiedsverfahren, Dr. Franz Kaps, Präsident der Deutsch-Indischen Juristenvereinigung (DIJV), über die Rolle der DIS und anderer Schiedsinstitutionen im deutsch-indischen Handel. Im Anschluss diskutierten Dr. Daniel H. Sharma, Nitin Thakker und Amarjit Singh Bedi unter Moderation von Dr. Wessels darüber, wie sich die deutsch-indische Streitbeilegung weiter stärken lässt.
Für den SGH bei der DIHK war die Teilnahme ein Signal in die deutsch-indische Gemeinschaft von Juristen und Unternehmensvertretern, weil hier konkret über genau die institutionelle Zusammenarbeit gesprochen wurde, an der sich der SGH künftig beteiligen möchte – zum Beispiel durch Kontakte zu indischen Schiedsinstitutionen und zur dortigen Wirtschaft. Der Austausch mit den beteiligten Institutionen aus Indien und Deutschland geht intensiv weiter.


